Geschichte begegnen
Schulklassen trafen auf Zeitzeugen. Sachliche Berichte über den Ablauf der Zwangsaussiedlungen wechselten sich mit emotionalen Schilderung des Erlebten ab, vorgetragen mit zitternder Stimme. Ein unmenschliches Kapitel der DDR-Geschichte, über Jahre verschwiegen, rückte näher.
Eindrücke aus Gesprächen mit Zeitzeugen:
Dr. Sulzberger-Gymnasium – Bad Salzungen
Edith Fehringer (86 Jahre, links) und Ingrid Bethge (76) berichten über die „Aktion Ungeziefer“ aus dem Juni 1952 in Streudorf (Landkreis Hildburghausen / Thüringen). Während Frau Fehringer mit Ihren Eltern in die Nähe von Arnstadt deportiert wurde, blieb Frau Bethge in Streufdorf – zu hören war ein Bericht über Vorbereitungen zur Aussiedlung, über Widerstand, Abschied und Schweigen.
Auszüge aus dem Zeitzeugengespräch:
Edith Fehringer: Markieren zum Abtransport
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Ingrid Bethge: Poltern an der Tür
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Edith Fehringer und Ingrid Bethge: Aufstand, Abschied und Schweigen
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Gruppenfoto mit Zeitzeuginnen:
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Oststadtschule – Eisenach
Werner Kaufhold (64) erlebte als 8-jähriger Junge die „Aktion Kornblume“ in Faulungen im Eichsfeld: Morgens um sieben kamen die Polizisten, schwer bewaffnet, bis vierzehn Uhr hatten sie alles gepackt.
In tiefer Erinnerung blieb Werner Kaufhold die dunkelbraune Erde der umgepflügten Äcker, die an ihm vorbeizog, als er zwischen Kisten und Möbeln auf dem Lastwagen sitzend mit seiner Familie aus Faulungen weggefahren wurde.
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Am neuen Ort fand er schnell neue Freunde. Er gehörte dazu, glaubte Werner Kaufhold – bis er mit seinen guten Schulnoten auf die die erweiterte Oberschule wechseln wollte. Voll Misstrauen gegen die Zwangsausgesiedelten teilte der Rat „Rat des Kreises“ seinen Eltern mit: „Die Gesamteinschätzung der Entwicklung Ihres Kindes bietet uns nicht die Gewähr eines erfolgreichen Besuches der Klassen 11 und 12, aus denen einmal die künftige Führungskader unserer Republik hervorgehen sollten.“
Originalschreiben an die Familie Kaufhold – März 1963
Erzählcafé in der Oststadtschule ………………… mit Werner Kaufhold (Mitte)
Freie Waldorfschule – Erfurt
Projekttag in der Waldorfschule: Schüler der 9. bis 12. Klasse treffen gleich auf sieben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der „Aktion Ungeziefer“ und der „Aktion Kornblume“.
In klassenübergreifenden Gruppen berichteten die ZeitzeugInnen von ihren Deportationen auf LKWs und in Viehwaggons, vom Ankommen in den unbekannten Orten, von den neuen Nachbarn, die sie gemieden haben:
Wir waren Menschen „zweiter Klasse“ – Karl Westhäuser:
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Überwacht wurden wir regelmäßig – Edgar Ruhlandt:
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Erst mit der Zeit hat man sich kennengelernt – Elfriede Seever:
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Die Angst blieb: Wer gegen Regeln verstieß musste mit Zwangsaussiedlung rechnen – Rolf Müller: Audio-Player
Staatliches regionales Förderzentrum – Apolda
Gleich drei Zeitzeugen besuchten das Förderzentrum in Apolda: Wolfgang Kaufhold (Bildmitte, mit Blumen), seine Schwester Doris Enders (rechts, mit Blumen) und ihr Mann Erich Enders (links, mit Blumen). Aus Faulungen wurden die Geschwister im Juni 1961 von DDR-Grenzsoldaten rausgefahren, innerhalb weniger Stunden musste die Familie ihr Bauernhaus räumen und saß dann hinten auf dem LKW, auf ihrem alten Sofa. Bis nach Buttstädt bei Sömmerda ging die Fahrt. 55 Jahre liegt die „Aktion Kornblume“ nun zurück. Vergessen können sie das Erlebte nicht. Nur davon berichten und warnen, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen.
Frau Enders und Herr Kaufhold – Tag der Zwangsaussiedlung:
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Frau Enders – Transport auf dem LKW:
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Herr Ender – Grübeln nach Gründen:
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Freie Waldorfschule – Eisenach
Zwei 10te Klassen der Waldorfschule trafen auf Frau John (77 Jahre). In ruhigen Gesprächen wurde angespannt gelauscht. Einfach war es nicht zu verstehen, wie damals mit Menschen umgegangen wurde:
Teil 1: Tag der Aussiedlung – aus der Schule abgeholt
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Teil 2: Auszug im Regen – die Möbel auf dem offenen LKW
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Teil 3: Ankunft in Isserheiligen – „Wir nehmen keine Verbrecher auf!“
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Teil 4: Ein Bauer hilft
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Teil 5: Leben in Isserheiligen – der Weg zur neuen Schule
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Staatliche Regelschule – Breitenworbis
„Wir durften nur mitnehmen, was auf einen LKW passte“, berichte Rita Jagemann der 10ten Klasse. Als sie 1952 im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ Bischhagen im Eichsfeld zusammen mit ihrer Familie innerhalb weniger Stunden verlassen mussten, war sie 13 Jahre alt. Am Ostbahnhof wartete bereits ein Zug mit leeren Viehwaggons, damit ging es weiter: „Wir dachten, wir kommen nach Sibirien.“ Doch ihr vorbestimmtes Ziel war ein kleines Bauerngehöft in Bad Düren:
Ankunft:
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Wohnung:
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Nachbarn gab es nicht. Eine vernünftige Straße ins Dorf auch nicht. Tag für Tag musste sie nun fünf Kilometer durch den Wald in die Schule laufen.
Als Jahre später ihre eigenen Kinder zur Jugendweihe sollten, weigerte sie sich: „Ich kann meine Kinder doch kein Gelöbnis auf einen Staat leisten lassen, der so ein Unrecht tut“.
Bericht der Thüringer Allgemeinen zum Zeitzeugengespräch
Pestalozzi Förderschule – Eisenach
Hans Joachim Aurich (71 Jahre), blieb in Großburschla, wurde Lehrer in der DDR, nach der Wende auch Bürgermeister in seinem Dorf. Großburschla ragte damals wie eine Insel in die BRD hinein. Eine einzige Straße verband das Dorf mit der DDR. Links und rechts von der Straße und um das gesamte Dorf herum war die hochgerüstete Grenze. Sehen konnte die Dorfbewohner den nahegelegenen Grenzzaun trotzdem nicht, er war hinter einem Wald versteckt. Damit sie sich der Grenzanlage nicht nähern, stellet die DDR rings um das Dorf, mit 500 Meter Abstand vom Grenzzaun, Schilder auf (Original links). Zynisch war zu lesen: „Ende des Naherholungsgebietes“. Weiter durften die Dorfbewohner nicht gehen. Trotzdem: